Zwei Märkte, ein Land
Der Schweizer KMU-ERP-Markt ist zweigeteilt. Bei Firmen ab 30 Mitarbeitenden führt Abacus mit 17 % vor SAP (15 %) und Microsoft Dynamics (7 %), so der Profondia IT-Markt Report 2025, die einzige unabhängige Zählung. Bei den rund 540’000 Mikrofirmen dominieren Cloud-Buchhaltungen: bexio mit über 100’000 Kunden, Swiss21/AbaNinja, KLARA und in der Romandie WinBiz und Crésus.
Ein ERP bleibt im Schnitt 17 Jahre im Einsatz. Ablösungen sind selten. Die Frage für ein KMU ist deshalb nicht «welches ERP», sondern «wie bekomme ich meine Prozesse um das bestehende ERP herum automatisiert».
Die Begriffe, die Sie dafür brauchen
Ob sich ein ERP mit einem KI-Assistenten verbinden lässt, hängt an zwei Fragen: Wo läuft die Software, und hat sie eine offene Tür nach aussen?
| Begriff | Was es ist | Was es für Sie heisst |
|---|---|---|
| On-Premises | Die Software läuft auf einem Server in Ihrer Firma oder bei Ihrem IT-Partner. | Volle Kontrolle, aber von aussen und für KI-Dienste nur über ein Gateway erreichbar. |
| Cloud / SaaS | Die Software läuft beim Hersteller, Sie arbeiten im Browser. | Kein eigener Server. Entscheidend ist der Datenstandort: Schweiz, EU oder USA. |
| REST-API | Eine dokumentierte Schnittstelle, über die andere Programme Daten lesen und schreiben können. | Voraussetzung für jede Automatisierung. Ohne API bleibt nur Export/Import. |
| MCP | Ein offener Standard, über den ein KI-Modell sicher auf ein System zugreift. Der MCP-Server beschreibt dem Modell, was es darf. | Der Steckplatz zwischen ERP und KI. Mit offiziellem MCP-Server verbinden Sie Claude in Minuten. |
| KI-Agent | Ein Sprachmodell, das mehrere Schritte selbständig ausführt: E-Mail lesen, Lieferschein prüfen, Rechnung erfassen. | Der eigentliche Zeitgewinn. Braucht klare Regeln, wer was freigeben muss. |
Wer heute einen offiziellen MCP-Server hat
Fast alle relevanten Systeme haben eine REST-API. Aber nur vier haben Stand September 2026 einen offiziellen, vom Hersteller gewarteten MCP-Server: Microsoft Business Central (verfügbar seit April 2026, mit Schweizer Azure-Region), Oracle NetSuite (produktiv seit 2025), Vertec (Dienstleister) und KLARA (Kleinstfirmen). Die beiden Schweizer Beispiele kommen also von Nischenanbietern.
| Reifegrad | Systeme |
|---|---|
| Offizieller MCP-Server, produktiv | Business Central, NetSuite, Vertec, KLARA |
| Offiziell, aber Beispielcode oder in Vorschau | SAP Business One, SAP S/4HANA Cloud (Gateway), Odoo (Dokumentation), Xentral, Sage Intacct |
| Community-MCP auf Basis der öffentlichen API | bexio (314 Funktionen), Proffix, Odoo, weclapp, Banana, Haufe X360 |
| Nur REST-API, kein MCP | Abacus, Opacc, SelectLine, myfactory, Infoniqa/Suiteify, Comatic, Topal, WinBiz, ImmoTop2 |
| Keine öffentliche Schnittstelle | Sorba, Messerli, Rimo R5, GARAIO REM, Crésus, vitomed |
Abacus, der Marktführer, hat eine gut dokumentierte REST-API und baut eigene KI-Funktionen ins Produkt («Abacus Intelligence»), öffnet das System aber nicht für externe Agenten. bexio, Proffix und Odoo überlassen den Anschluss der Community: schnell verfügbar, aber ohne Support.
Je branchenspezifischer, desto geschlossener
In Bau und Immobilien, den Kernbranchen vieler Schweizer KMU, dominieren Branchenlösungen ohne öffentliche API: Sorba und Messerli auf dem Bau, Rimo R5 und GARAIO REM in der Bewirtschaftung. ImmoTop2 hat immerhin eine REST-Schnittstelle. Hier läuft Automatisierung über den Belegfluss, also über E-Mail, PDF, Export/Import und die angebundene Abacus-Finanzbuchhaltung, nicht über einen direkten Agenten-Anschluss.
Im Handel und in der Produktion sieht es besser aus: Business Central ist über Schweizer Partner weit verbreitet und bringt den MCP-Server mit. Bei Dienstleistern ist Vertec das offenste System, bei Treuhändern KLARA und bexio.
Cloud ja, aber wo liegen die Daten?
Mikrofirmen sind praktisch vollständig in der Cloud, mittlere Firmen erst zur Hälfte: 52 % On-Prem, 31 % SaaS, 16 % hybrid (Forterro-Barometer 2024). Schweizer Datenhaltung garantieren die einheimischen Anbieter (Abacus, Opacc, myfactory, Proffix, bexio, KLARA) sowie Microsoft über Azure Switzerland. Odoo Online, NetSuite, weclapp und Haufe X360 hosten in der EU.
Wer Claude mit ERP-Daten verbindet, sollte drei Dinge klären: Welche Daten gehen an das Modell (das steuert der MCP-Server), ist das mit dem Datenschutzgesetz und den Kundenverträgen vereinbar, und arbeitet der Agent mit einem eigenen ERP-Benutzer, der nur das darf, was er soll. Irreversible Aktionen wie Zahlungen oder Lohnläufe gehören hinter eine Bestätigung, so wie es KLARA und Vertec vorsehen.
Fünf Wege zur Anbindung
| Weg | Aufwand | Für wen |
|---|---|---|
| Offizieller MCP-Server | Stunden | Business Central, NetSuite, Vertec, KLARA |
| Community-MCP-Server | Tage, plus Betrieb | bexio, Proffix, Odoo, weclapp |
| Eigener MCP-Layer auf der REST-API | 1–3 Wochen | Abacus, Opacc, SelectLine, myfactory, Infoniqa |
| Integrationsplattform (n8n, Zapier, Make) | Tage | bexio, Odoo, Business Central |
| Belegfluss (PDF, E-Mail, Export/Import) | Tage | Sorba, Messerli, Rimo, ImmoTop2, Crésus |
Der Nutzen liegt in den Abläufen rund um das ERP, nicht im ERP selbst: Belege aus dem Posteingang erfassen, Offerten aus Anfragen erstellen, Mahnläufe vorbereiten, Kennzahlen auf Zuruf abfragen. Das ERP bleibt das System der Wahrheit; der Assistent ist der Sachbearbeiter, der es bedient.
Drei Thesen
- Die Schweizer ERP-Anbieter bauen KI ins Produkt ein, statt sie zu öffnen. Bequem für den Kunden, aber er bleibt im Silo eines Herstellers.
- Bei den internationalen Anbietern ist MCP innerhalb von 18 Monaten vom Experiment zum Standard geworden. Die Schweizer werden nachziehen müssen.
- Wer heute Erfahrung mit der Anbindung sammelt, hat einen Vorsprung, egal ob das ERP in fünf Jahren noch dasselbe ist.
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